Wähle einen Beruf, für den du brennst.

Dies ist leichter gesagt als getan, denn insbesondere für junge Generationen bedeutet diese Zielsetzung eine enorme Herausforderung. Während Arbeit früher primär als notwendiges Mittel zur Existenzsicherung betrachtet wurde, hat sich dieses Bild in der heutigen Gesellschaft stark verändert. Arbeit ist zunehmend ein Instrument zur Selbstverwirklichung, womit Erwartungen, wie Leidenschaft, Motivation und Inspiration einherkommen. Damit wächst jedoch auch die (oft schwere) Last der beruflichen Entscheidung: was will ich wirklich machen im Leben? Welcher Beruf ist erfüllend und sinnhaft zugleich?

Was ist der richtige Karriereweg für mich?
Sollte ich mich an Status, Geld oder Interesse orientieren?

Als ich mir diese Fragen stellte, sagte mein Vater zu mir:
„Hör auf dein Herz. Wenn du nur wegen dem Gekd Anwältin werden willst, findest du dich irgendwann als mittelmässige Jurist:in wieder – im ständigen Wettbewerb mit anderen, die ihren Beruf  wirklich lieben. Das wiederum führt zu einem ewigen Kampf, der nie wirklich Erfüllung bringen wird.“

Doch was, wenn man mit 19 Jahren für nichts wirklich brennt? Wie auch, wenn man keinerlei Erfahrungen hat und eher selten Leidenschaft spürt, wenn es um Karriere geht?
Damals mit 18 Jahren, plante ich eine Laufbahn als Leistungssportler:in. Ich liebte Volleyball und war gut darin. Und trotzdem fehlte etwas. Ich wusste nicht genau, was – nur, dass mich dieser Weg allein nicht erfüllte.

Daher: wenn du bereits eine Leidenschaft hast – wunderbar.
Wenn nicht, mach dich nicht verrückt. Di gehörst damit zu der Mehrheit, denn betrachtet man unsere globale Gesellschaft, können nur die wenigstens von sich behaupten, sie gehen ihrer Passion nach.

Auch wenn das Wort „Leidenschaft“ gerade riesig wirkt und ungreifbar ist, bedeutet das nicht, dass du sie nie finden wirst oder dass dein Glück einzig und allein davon abhängig ist.

Dieser Artikel soll erklären, was Leidenschaft ist – und wie sie wirklich entsteht.

Was ist Leidenschaft?

Leidenschaft ist weder eine Emotion noch ein Synonym für Motivation.
Sie ist ein eigenständiges psychologisches Konstrukt. Robert J. Vallerand definiert Leidenschaft als:

„eine starke Neigung zu einem bestimmten Objekt, einer Tätigkeit, einem Konzept oder einer Person, die man liebt (oder zumindest sehr mag), hoch schätzt, regelmässig Zeit und Energie investiert und die Teil der eigenen Identität ist.“

Leidenschaft ist also nicht auf eine bestimmte Tätigkeit beschränkt.
Du kannst für allerlei Sachen im Leben Leidenschaft empfinden, wie Lernen, den Umgang mit Menschen, Persönlichkeitsentwicklung, Kulturen, Gesundheit, Sport oder Musik.

Leidenschaft ist auch eine Frage der Wahrnehmung und des Framings.

Und vor allem:
Leidenschaft ist ein Prozess – kein Zustand.

Wir entwickeln Leidenschaft mit der Zeit. Je besser wir in etwas werden, desto mehr beginnen wir es zu lieben. Niemand ist leidenschaftlich darin, Anfänger zu sein – wir lieben es, uns als kompetent und talentiert zu fühlen.

Gute Dinge brauchen Zeit: Beziehungen, Liebe – und auch Leidenschaft.
Sie beginnt oft mit Freude oder Interesse und vertieft sich durch Wiederholung und Identifikation.

Dies sind wichtige Punkte, denn das Wort „Leidenschaft“ wird oft idealisiert und romantisiert. Wir stellen uns Mozart vor, der schon von klein auf seine Passion und sein einzigartiges Talent für Musik entdeckte und übersehen dabei, dass diese Erzählung die Realität stark vereinfacht. Leidenschaft entsteht selten über Nacht – sie wächst meist leise, durch Ausprobieren, Dranbleiben, Übung, Erfahrung und Rückschläge.

Persönliche und soziale Einflussfaktoren von Leidenschaft

Leidenschaft entsteht demnach nicht über Nacht, sondern unterliegt vielmehr einem Prozess. Dieser Prozess wiederum wird stark von internen und externen Faktoren beeinflusst, die unser Empfinden gegenüber Leidenschaft prägen. Diese Einflussfaktoren sind:

  • Selbstwirksamkeit
  • Selbstwahrnehmung
  • emotionaler Intelligenz
  • der Wertschätzung angenehmer Tätigkeiten
  • autonomer Persönlichkeitsorientierung
  • prägenden Bezugspersonen (Eltern, Lehrkräfte, Coaches, Führungskräfte)

Selbstwirksamkeit beschreibt den Glauben an die eigene Fähigkeit, Dinge zu bewältigen.
Positive Erfahrungen führen zu positiven Emotionen – und diese wiederum zu Leidenschaft. Wer sich als selbstwirksam empfindet, bleibt länger am Ball und hat bessere Chancen, das Zustandekommen von Leidenschaft abzuwarten.

Selbstwirksamkeit

Wähle einen Beruf, für den du brennst. Dies ist leichter gesagt als getan, denn insbesondere für junge Generationen bedeutet diese Zielsetzung eine enorme Herausforderung. Während...

👉 Weiterlesen

Selbstwahrnehmung ist die Fähigkeit zur tiefen Reflexion.
Leidenschaft ist selten von Anfang an klar. Wir entdecken und formen sie im Laufe unseres Lebens. Vielleicht hattest du gerade eine schlechte Phase im Sport: durch Reflexion bist du in der Lage, es als Phase zu sehen, anstatt eine potenzielle Leidenschaft aufzugeben. Oder sagen wir, du bist zu selbstkritisch und meinst, keinerlei Freude an deinem Job zu haben: durch Reflexion erkennst du jedoch, dass dir schon einige Bereiche deiner Arbeit Spaß machen.

Selbstwahrnehmungstheorie

Wähle einen Beruf, für den du brennst. Dies ist leichter gesagt als getan, denn insbesondere für junge Generationen bedeutet diese Zielsetzung eine enorme Herausforderung. Während...

👉 Weiterlesen

Positive Bewertung von Tätigkeiten bedeutet:
Wer nur das Negative sieht, wird kaum Leidenschaft entwickeln. Leidenschaft ist auch eine Frage der inneren Haltung. Pessimismus führt selten zu Motivation, Leidenschaft oder jeglicher Art von Freude. Eine optimistische Sichtweise hingegen stärkt das Selbstvertrauen, die Selbstwirksamkeit, Ausdauer und eine positive Einstellung den Dingen gegenüber.

Autonome Persönlichkeitsorientierung (Selbstbestimmungstheorie) beschreibt Menschen, die Entscheidungen stärker an ihren eigenen Werten ausrichten als an äußeren Erwartungen – und dadurch mehr Zufriedenheit erleben. Dies klingt logisch: wer in der Lage ist, seinen eigenen Empfindungen zu folgen und weniger darauf fokussiert ist, was andere erwarten, kommen Leidenschaft und Freude näher. Leidenschaft hat viel damit zu tun, wie sehr jemand im Einklang mit den eigenen Werten lebt.

Soziale Vorbilder beeinflussen ebenfalls, wofür wir Leidenschaft entwickeln. Wenn ich als Kind sehe, dass mein Vater Spaß am Sport hat, stehen die Chancen hoch, dass ich ebenfalls positive Gefühle gegenüber Sport entwickle. Sehe ich hingegen, dass mein Vater bei jedem Spaziergang schlechte Laune bekommt, passiert wahrscheinlich genau das Gegenteil. Hierbei ist es ebenfalls sehr wichtig zu verstehen, wie essenziell es ist, Neues auszuprobieren und unterschiedliche Erfahrungsräume zuzulassen. Wenden wir uns daher etwas von unseren Vorbildern ab und stellen Sachen in Frage: vielleicht gibt es etwas, was mir noch mehr Spaß machen könnte als Sport, oder vielleicht ist Spazieren gehen gar nicht mal so schlecht.

Leidenschaft in Leadership und Arbeitswelt

Perrewé et al. (2013) beschreiben Leidenschaft als
„hoch geschätzt – aber schlecht verstanden und gefördert“.

Früher fokussierte sich die Führungsforschung ausschließlich auf Rollen und Leistung.
Heute wissen wir: Emotionen, Sinn, Zufriedenheit und Leidenschaft sind ebenfalls entscheidende Faktoren, wenn es um Leadership, Team Building und ein gesundes Arbeitsumfeld geht.

Unternehmen können Leidenschaft zwar nicht erzeugen – aber sie können Rahmenbedingungen schaffen, in denen sie wachsen kann.

Zigarmi et al. (2009) identifizierten acht zentrale Faktoren:

  • Sinnhaftigkeit
  • Zusammenarbeit
  • Fairness
  • Autonomie
  • Anerkennung
  • Entwicklungsmöglichkeiten
  • Verbindung zur Führung
  • Verbindung im Team

Als Führungskraft bedeutet das:
psychologische Sicherheit schaffen, Vertrauen leben, Entwicklung ermöglichen und Sinn vermitteln.

Das sind immerhin eine Menge von Einflussfaktoren, über die Leader ihre Teams unterstützen und fördern können.

Wie findest du deine eigene Leidenschaft?

Wenn du dir beim Lesen die Frage stellst: „Was ist eigentlich meine Leidenschaft? Habe ich überhaupt eine?“, ermutige ich dich, vorerst eine Liste mit Aktivitäten, Dingen, Menschen etc. zu schreiben, die du magst und die dir Freude bereiten.

Gehe gerne ein Stück weiter und frage dich:

  • Was hat mir früher Freude bereitet? Als Kind oder Teenager? In meiner Jugend?
  • Was interessiert mich – auch ohne sofortige Ergebnisse? Was sind Themen, über die ich mich gerne austausche, denen ich gerne nachgehe?
  • Welche Werte sind mir wichtig?

Sollte dir diese Übung schwer fallen, dann dreh den Spieß einfach um und schreibe dir auf, was du nicht magst:

  • Was sind Sachen, die ich nicht mag oder sogar nicht ausstehen kann?
  • Welchen Aktivitäten würde ich am liebsten nie nachgehen? Welche Dinge interessieren mich auf keinste Weise?

diese Listen dienen als gute Ausgangspunkte, ab hier heißt es dann: ausprobieren, dranbleiben, Geduld haben.

Nicht vergessen: Leidenschaft entsteht durch Wiederholung, nicht durch Perfektion.

Zusammenfassung

Leidenschaft entsteht nicht über Nacht.
Sie ist ein Prozess, ein Zustand, der sich durch einen Mix aus Interesse, Erfahrung und Selbstwirksamkeit ergibt.

Wer Erwartungen loslässt und bereit ist, Zeit zu investieren, wird sehr wahrscheinlich Leidenschaft gegenüber etwas entwickeln.

Zudem sollte man mit Aussagen und Erwartungen, wie „Mein Job ist meine Leidenschaft“ vorsichtig sein. Jeder Job und jeder Beruf ist mit Teilaufgaben verbunden, die man gerne macht und die man am liebsten immer wieder abgeben würde. Dies ist absolut normal. Jedoch tendieren einige Menschen dazu, ihre Leidenschaft für ihren Beruf komplett in Frage zu stellen, nur auf Grund von Stress, Herausforderungen, Veränderungen oder mühsame Teilaufgaben. Hier gilt dann: Selbstreflexion und positive Einstellung.

Egal wie absurd sich das anhören mag:
Du kannst für fast alles Leidenschaft empfinden – es ist oft nur eine Frage des persönlichen Empfindens.